Zehn Fragen an Peer-Arne Böttcher

Geschäftsführer Turnbull

© Martina van Kann

Lieber Peer, Turnbull ist nicht Deine erste Unternehmensgründung. Womit hast Du Dich in den vergangenen drei Jahrzehnten beschäftigt?

Peer-Arne Böttcher: Ich bin seit 1993 unternehmerisch tätig. Im Rückblick zeigt sich dabei eine Konstante: Ich habe immer Menschen zusammengebracht. Zunächst als Berater kleiner und mittelständischer Unternehmen beim Relationship Management. Mit der Gründung des Business Clubs Hamburg verfolgte ich dann das Ziel, diese Netzwerkarbeit zu institutionalisieren, also von meiner Person unabhängig zu machen. Das hat über eine traumhaft schöne Location, eine denkmalgeschützte Villa an der Elbe, vor allem aber über tolle Partner und Mitstreiter geklappt.

Wie kamst Du auf die Idee für Turnbull und was hat es mit dem Unternehmensnamen auf sich?

Peer-Arne Böttcher: Die Digitalisierung des “Networking” ist seit über zwanzig Jahren ein Thema für mich. Die ersten Angebote am Markt erschienen vielversprechend, blieben aber konzeptionell stehen und entwickelten sich bald darauf strategisch in eine völlig andere Richtung. Bereits 2005 schrieb ich daher ein erstes Konzept, wie ich mir eine Plattform für Kontaktanbahnungen und Geschäftsabwicklungen vorstellte. Das Problem: Die für die Umsetzung notwendigen Technologien, von der Artificial Intelligence über Blockchain bis zu hin mobilen Anwendungen, waren damals noch nicht verfügbar. Insofern musste ich mich ein wenig gedulden…

Unser Unternehmensname vereint Aspekte des Wandels mit jenen des wirtschaftlichen Aufschwungs. „Turn“ steht für Veränderung, für Aufbruch, für das Nutzen von Gelegenheiten. Dies jedoch nicht in einer orientierungslosen Art und Weise, sondern mit klarer Zielsetzung: Wir wollen Unternehmer und Unternehmen dazu befähigen, von der Seite des Bären wieder auf die des Bullen zu wechseln.

Die Coronakrise stellt insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen vor ungeahnte Herausforderungen. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt ist durch die Pandemie nach jetzigem Kenntnisstand um 5,0 Prozent gesunken – ähnlich wie in Zeiten der Finanzkrise. Wie kann Turnbull zu einer Stärkung der Wirtschaft beitragen?

Peer-Arne Böttcher: Corona wird deutlich tiefere Spuren als die Finanzkrise hinterlassen. Für viele Unternehmen ist inzwischen deutlich zu erkennen, dass sich ihr bisheriges Stammgeschäft nicht in der bewährten Form fortführen lässt. Der Leidensdruck ist vielerorts enorm. Organisationsprozesse und Unternehmenskulturen werden sich weiterentwickeln müssen. Wenn ich mich heute noch frage, wie ich den Fuhrpark meines Unternehmens optimiere, denke ich nicht mehr zeitgemäß. Die eigentliche Frage lautet, ob ich den Fuhrpark überhaupt noch brauche. Start-ups kennen solche Situationen, das sogenannte “Pivoting” gehört zu ihren täglichen Überlebensaufgaben. Für die meisten Unternehmen hingegen gehört das zum vielzitierten “Neuland”.

Als “Business maker’s network” greifen wir bei Turnbull die aktuellen Herausforderungen für Unternehmen auf. Wir fangen da an, wo die etablierten Business Networks aufhören. Bei uns geht’s nicht um Job-Angebote und Social Selling. Wir bringen Entscheider zusammen, die Geschäfte machen können und wollen. Mit dem KI-getriebenen Matchmaking wird die Erfolgsfähigkeit des unternehmerischen Handelns der Mitglieder gestärkt. Die künstliche Intelligenz vereinfacht zielführende Kontaktaufnahmen, begleitet Verhandlungsprozesse und inspiriert sogar mit proaktiven Geschäftsmöglichkeiten.

Wie würdest Du einen konkreten Use Case Turnbulls beschreiben, um den 50-jährigen Geschäftsführer eines Mittelständlers zu überzeugen?

Peer-Arne Böttcher: Einer von unzähligen Use Cases, die auf Turnbull abgebildet werden, ist folgender: Als Vertriebsorganisation importieren Sie technische Produkte aus Asien. Unvorhergesehen erleben Sie einen Absatzeinbruch. Dadurch werden fest gebuchte Kapazitäten in ihrer Logistik frei. Sie verkaufen einen Teil dieser Kapazitäten an Dritte und nutzen den verbleibenden Anteil zum Import von FFP2-Masken und Nitril-Handschuhen, um ihre Umsatzausfälle zu kompensieren. All das kann vollständig auf und über Turnbull abgebildet werden. Entweder durch Ihre Eigeninitiative oder auf Hinweis von Turnbull, wenn unsere AI die freien Ressourcen erkennt und Ihnen konkrete Vorschläge für deren Nutzung unterbreitet.

Voraussetzung für eine gute Nutzung von Turnbull ist ein aussagekräftiges Unternehmensprofil. Wir brauchen dafür Informationen zu Ihren Produkten oder Dienstleistungen. Das können Zahlen, Daten und Fakten, aber auch Flyer oder Videos sein. Viele weitere Schritte erledigt perspektivisch unsere AI. Sie wird immer wieder mit Matching-Vorschlägen auf Sie zukommen. Mit der Zeit lernt die AI dazu und die Matching-Vorschläge werden mit Wahrscheinlichkeiten für einen Geschäftsabschluss versehen sein. Ob Ihnen dieser Relevanzfilter nur Opportunitäten jenseits der 80 Prozent oder auch jene unter 30 Prozent anzeigt, entscheiden Sie selbst.

Wie habt ihr den Aufbau des Unternehmens bislang finanziert?

Peer-Arne Böttcher: Wir sind eine Gruppe starker Unternehmer, die sich etwas vorgenommen haben – und dies aus eigenen Mitteln finanzieren.

In Kürze startet ihr in die Beta-Phase eures Produkts. Worauf wird es Deines Erachtens in dieser Entwicklungsphase ankommen?

Peer-Arne Böttcher: Besonders wichtig ist das kritische Feedback unserer Gründungsmitglieder. Wir brauchen konkrete Rückmeldungen, damit wir unser Angebot kontinuierlich entlang der Anforderungen unserer Nutzer weiterentwickeln können. Darüber hinaus wird es darum gehen, möglichst schnell die kritische Masse an Mitgliedern zu erreichen – bei gleichzeitig hoher Qualität und einer möglichst heterogenen Zusammensetzung.

Welche zentralen Herausforderungen habt ihr als junges Unternehmen aktuell zu bewältigen?

Peer-Arne Böttcher: Wir starten in wenigen Wochen damit, die ersten unserer 500 Gründungsmitglieder auf die Plattform zu lassen. Da gibt es naturgemäß noch alle Hände voll zu tun. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass wir uns ehrgeizige Ziele gesteckt haben, aber noch ein verhältnismäßig kleines Team sind. In den kommenden Monaten gilt es, unsere eigenen Strukturen weiter zu stärken, den Onboarding-Prozess neuer Mitglieder zu optimieren und vor allem, möglichst viele mittelständische Unternehmen für Aktivitäten auf Turnbull zu gewinnen.

Bei kaum einer Startup-Gründung läuft alles rund. Ein Unternehmen aufzubauen, ist sicherlich ein ständiger Lernprozess. Gibt es bereits Dinge, die Du beim nächsten Mal anders machen würdest, wenn Du auf die vergangenen Monate zurückblickst?

Peer-Arne Böttcher: Bislang (noch) nicht. Aber frag’ mich gerne zu einem späteren Zeitpunkt wieder.

Welche drei zentralen Ratschläge würdest Du jemandem geben, der mit dem Gedanken spielt, sich mit einer Geschäftsidee selbstständig zu machen?

Peer-Arne Böttcher: Erstens: Lerne und akzeptiere, zwischen einem bloßen Einfall und einer substanziellen Idee zu unterscheiden. Zweitens: Solltest Du tatsächlich eine tragfähige Idee haben, suche Dir starke Partner und setze Deine Idee – drittens – mit maximaler Konsequenz in die Tat um.

Zum Abschluss dieses Interviews ist Deine Kreativität gefordert: Wenn Du Dein Arbeitsleben mit einem einzigen Songtitel beschreiben müsstest – welcher wäre das?

Peer-Arne Böttcher: “Aus der Neuen Welt”. Ist schon etwas älter. Songwriter Antonin Dvorak ließ sich von seinem mehrjährigen Aufenthalt in den USA inspirieren und schrieb seine “9. Symphonie” im Jahr 1893. Für mich persönlich gibt es kaum Spannenderes, als Neues zu entdecken und mit diesen Impulsen das Bestehende weiter zu entwickeln.